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Momentaufnahmen: Blogs als digitale Kunstgalerien

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Blogs als digitale Kunstgalerien
Was gefällt, sammelt man in einem Blog. Bei digitalen Galerien sind es Momentaufnahmen des Zeitgeistes. (Bild: Tobias Felber/dpa)

am 16.11.2011 | Von Philipp Laage, dpa

Chemnitz/Berlin (dpa) - Lion Bakman ist immer auf der Suche nach neuen Fotos. Ob sinnlich, traurig oder ausgelassen - sie sollen Gefühle ausdrücken. Was gefällt, sammelt er in seinem Blog. Digitale Galerien sind ein netzkultureller Trend geworden.

Ein Mädchen mit Gasmaske, ein leerer Raum, ein Rockstar. Ein nacktes Model mit Zigarette, eine verfremdetes Gesicht, ein Tattoo. Fotos, die mal melancholisch bis verstörend, mal anrührend und sinnlich sind. Der Spruch: «All the words I don't say», dann ein Videoclip. Kollagen wie diese sind nicht in normalen Galerien zu sehen, sondern in digitalen - in Blogs, die etwa mit dem Dienst schnell eingerichtet sind. Mit dem Scrollen des Mausrads rauscht der Betrachter durch diese Momentaufnahmen des Zeitgeists.

Auch Lion Bakmann schafft sich so seine eigene Welt. Sein Blog heißt «Muckibude», und zu sehen gibt es vorwiegend Fotos von Frauen. «Es sind Bilder von Situationen, die mich selbst vom Hocker hauen und meinen derzeitigen Gefühlszustand repräsentieren», sagt der 20-jährige Student aus Chemnitz. «Die Anordnung der Bilder entspricht meinen Vorstellungen von Ästhetik und Harmonie.» Nicht zu obszön und pornografisch sollten die Aufnahmen sein - auch wenn Bakmann viel nackte Haut zeigt.

Die Bilder in seiner sind oft zeitlos-melancholisch. Caro Geislers Blog heißt und wirkt eher verstörend: Ein Baby mit Tattoos, ein böser Clown, ein Mensch am Tropf. «Ich mag das Absurde, das Provokative, das Abstoßende und Düstere in meinen Bildern», sagt die 24-Jährige aus Berlin. Die Aufnahmen sind aus dem Netz oder aus Kunst- und Grafikbüchern, ausgewählt nach der «momentanen Lebenslage». Sie sollen aber nichts ausdrücken, sagt Geisler, nur inspirieren - als gelte unausgesprochen: Die Bilder wirken für sich, sie müssen nicht erklärt werden.

«Mein Blog ist ein Sammelort meiner Inspirationen», sagt Lion - und das seien eben hauptsächlich Frauen. «Aber auch Musik, Kultur, Sport, Tattoos und Essen. Einfach alles, was für mich Lebensqualität ausmacht.»

Bakmann und Geisler stehen für den Trend zur Netz-Kollage. Der Blogging-Dienst Tumblr vereinfacht diese Form der Netzkunst: Er erlaubt das einfache Teilen von Texten, Fotos, Zitaten, Links, Musik und Videos auf der eigenen Seite mit nur wenigen Mausklicks. Nach Angaben des Unternehmens gibt es mehr als 33 Millionen Tumblr-Blogs. Wie viele davon künstlerisch genutzt werden, lässt sich kaum auswerten. Grundsätzlich ist der Themenkreis vollkommen offen.

Das Zitieren und Zusammensetzen der Kollagen sei ein Ausdruck der Remix-Kultur, sagt Internetsoziologe Stephan Humer von der Universität der Künste in Berlin. Tatsächlich sind die Blogs wie Mosaike, die auf der Bildebene wirken, über Gefühlswelten, die durch eine bestimmte Ästhetik erzeugt werden. «Das hat etwas Befreiendes. Der Betrachter kann ganz viele Aussagen finden. Das Motto ist: Wenn es mir gefällt, ist es gut. Damit wird gespielt.» Zitiert ein Blogger das Fundstück eines anderen Bloggers, ist das ein stilles Einvernehmen: Wir bewegen uns auf einer Ebene des Empfindens, wir teilen einen ähnlichen Blick auf die Welt und ihre Menschen.

Soziologe Humer sieht darin ein Stück Identitätsbildung. «Dem kann man sich nicht entziehen.» Es werde zumindest eine Teilidentität ausgelebt. «Aber das ist selten eine strategische Überlegung, das passiert unbewusst», sagt er. Lion Bakmann formuliert es so: «Es ist wie eine kleine Oase für mich. Ich kann, ähnlich wie in einem Tagebuch, meine täglichen Gemütszustände wiederspiegeln.»

Unproblematisch ist das Verbreiten der Fotos nicht: Blogger dürfen das Urheberrecht nicht verletzen. «Sie müssen da sehr vorsichtig sein», warnt Rechtsanwalt Till Jaeger aus Berlin. «Abmahnungen von mehreren hundert Euro drohen.» Die Wieder- und Weiterverwertung bestehender Werke zu neuen Medieninhalten wird allerdings kontrovers diskutiert: Viele betrachten das geltende Urheberrecht als überholt und fordern neue Regelungen, die der Realität der heutigen Mediennutzung entsprechen. So hat im Juli auch die Enquete-Kommission des Bundestags zu den Themen Internet und Digitale Gesellschaft eine Legalisierung von Remixes und Mashups als «diskussionsfähig» bezeichnet.

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