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«Flattr»: Werden Nutzer freiwillig im Netz zahlen?

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Flattr
«Flattr» macht die Probe aufs Exempel: Werden Nutzer freiwillig von der Gratiskultur im Internet Abschied nehmen? (Bild: flattr.com)

am 06.07.2010 | Von Michael Kieffer, dpa

Berlin (dpa) - Geht das Konzept auf, könnte der Bezahldienst «Flattr» dem Internet eine kleine Revolution bescheren. Denn inmitten einer Gratiskultur im Netz sollen die Nutzer überzeugt werden, freiwillig Geld für Inhalte zu zahlen - sozusagen als monetäres Kompliment.

Und so funktioniert «Flattr»: Man legt sich unter flattr.com ein Konto zu und setzt dort einen monatlichen Betrag fest, den man ausgeben möchte. Betreiber von Websites können einen grün-organgefarbenen «Flattr»-Button neben ihren Inhalten platzieren. Der Nutzer kann dann zum Beispiel bei einem Artikel, der ihm gefällt, «flattrn», indem er auf den Knopf drückt. Eben eine Schmeichelei - das englische Wort für schmeicheln, «to flatter», steckt auch im Namen des Dienstes.

Zahlt man monatlich 20 Euro ein und klickt auf die «Flattr»-Buttons von 50 Beiträgen, werden für jeden dieser Beiträge 40 Cent gutgeschrieben. Damit unterscheidet sich Flattr zum Beispiel vom Bezahldienst Kachingle, bei dem nicht einzelne Beiträge, sondern ganze Webauftritte unterstützt werden können.

Hinter dem Projekt aus Schweden steht ausgerechnet Peter Sunde, einer der Köpfe von «Pirate Bay». Die Internetseite ermöglichte den Tausch von Raubkopien - bis diese Praxis gerichtlich gestoppt wurde.

Nun also «Flattr». Etwa 20 000 Nutzer zählt der Dienst bisher - nach dem Start im Frühjahr ist er noch in der Beta-Phase. Sunde zufolge kommen 40 Prozent der mit Flattr-Button versehenen Inhalte aus Deutschland. Die Online-Ausgaben der «taz» und der Wochenzeitung «der Freitag» machen mit - ebenso wie etwa das «Bildblog».

Seit Mitte Mai kamen für «taz.de» mit Hilfe von Flattr, der «Kaffeekasse fürs Internet» («Computer Bild»), 1132 Euro und 5 Cent zusammen. Das ist nicht viel, trotzdem zeigt sich Redaktionsleiter Matthias Urbach zufrieden: «Eigentlich ist Flattr so, wie wir es immer gern gehabt hätten», schwärmt er. Anders als bei sonstigen Bezahlinhalten im Internet, könnten sich die Nutzer die «taz.de»-Texte erst komplett durchlesen und danach entscheiden, ob ihnen die Beiträge eine kleine Spende wert sind. Das Prinzip der Freiwilligkeit komme dem Naturell vieler Leser der linken «taz» entgegen. «Man kann sehen, dass unser Publikum da eine gewisse Affinität hat», erläutert Urbach.

Während sich Flattr derzeit vor allem bei Blogs verbreitet, verzichten die meisten klassischen Medienhäuser bisher auf den Bezahldienst - so auch «Spiegel Online». Neben dem kostenpflichtigen «Spiegel»-Magazin solle es auch weiterhin den kostenlosen, werbefinanzierten Internetauftritt geben, sagt «Spiegel Online»- Geschäftsführerin Katharina Borchert. «Daher kommt ein Experiment mit Flattr für uns derzeit nicht infrage.»

Auch beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ist Flattr bisher kein großes Thema. «Registriert wird das natürlich», sagt Sprecherin Anja Pasquay, schränkt aber ein: «Eine Verbandsmeinung dazu gibt es noch gar nicht.» So viel stehe aber fest: Positiv sei, dass Flattr dazu anstoße, für wertvolle Inhalte im Internet etwas zu bezahlen.

Doch Flattr sei keine Antwort auf die Debatte um Bezahlinhalte im Internet, findet zumindest Medienökonom Robin Meyer-Lucht. «Die Idee, dass der Konsument die Preise festlegt, ist der klassischen kommerziellen Sphäre fremd», sagt er. Die Verlagsbranche habe es versäumt, die Entwicklung von Bezahlmodellen voranzutreiben und werde nun von einer «Programmierbude aus Schweden» vorgeführt.

Es gibt aber auch grundlegende Bedenken gegen «Flattr». Zu den Kritikern gehört der Berliner Großmeister des Web 2.0, Sascha Lobo. In dessen Blog finden sich keine Buttons von «Flattr». Denn Lobo befürchtet einen «Flattr-Populismus», und zwar dergestalt, dass Autoren schon beim Schreiben darauf zielen, möglichst oft «geflattrt» zu werden und so möglichst viel Geld zu verdienen.

Lobo stößt sich auch am Geben-und-Nehmen-Prinzip von «Flattr» - nur wer selbst spendet, kann Geld bekommen. Nach Lobos Einschätzung schieben sich die «Flattr»-Nutzer dadurch gegenseitig Geld hin und her. Besser sei es, Geld außerhalb der Blogosphäre zu akquirieren. Und das gelinge etwa mit Werbung.

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