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2009 wurden soziale Netzwerke zum Massenphänomen

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SchülerVZ
Einer der Höhepunkte unter den Datenskandalen im Netz: Insgesamt 1,6 Millionen abgegriffene Daten von Nutzern des Netzwerkes SchülerVZ. (Bild: Stratenschulte/dpa)

am 24.12.2009 | Von Christof Kerkmann, dpa

Hamburg (dpa) - Wenn Hildegard Wielage ihr Enkelkind sehen will, setzt sie sich vor den Rechner. Ihr Sohn ist mit einer Chinesin verheiratet, seine kleine Familie verbringt viel Zeit in Asien. Deswegen meldete sich die Bau-Unternehmerin im August bei Facebook an.

«Als Mutter will man nicht den Anschluss verlieren, wenn sich die Kinder in der Welt herumtreiben», sagt die 58-Jährige augenzwinkernd. In dem Online-Netzwerk sieht sie gleich, wenn ihr Sohn neue Fotos von dem Kleinen hochgeladen hat - und kann prompt einen begeisterten Kommentar hinterlassen.

StudiVZ und Xing, Lokalisten und Wer-kennt-wen, Facebook und auch Twitter: Soziale Online-Netzwerke sind im Jahr 2009 endgültig zum Massenphänomen geworden. Mehr als die Hälfte (58 Prozent) der Internetnutzer in Deutschland ist auf einer der vielen Plattformen aktiv. Das hat der E-Mail-Anbieter «web.de» Anfang des Jahres in einer Studie herausgefunden - mittlerweile dürften es noch mehr sein.

«Soziale Netzwerke sind für jüngere Menschen mittlerweile zum Hauptkommunikationsmedium geworden», sagt Prof. Hendrik Speck von der FH Kaiserslautern. Auch Ältere wie Hildegard Wielage vernetzen sich, stöbern in den Profilen ihrer Freunde und schicken Nachrichten oder Bilder herum. Die Kommunikationsmaschinen rattern auf Hochtouren.

Die Netzwerke erfüllen ein urmenschliches Bedürfnis, ist Jan Schmidt überzeugt. «Nutzer können sich ein Profil schaffen, das die Persönlichkeit repräsentiert», erklärt der Kommunikationssoziologe, der die Welt des Web 2.0 am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg erforscht. Ein bisschen Selbstdarstellung, ein bisschen Tratsch, aber auch ein paar Häppchen aus der Nachrichtenwelt - die Mischung macht's.

Netzwerk-Logos
Einer der Höhepunkte unter den Datenskandalen im Netz: Insgesamt 1,6 Millionen abgegriffene Daten von Nutzern des Netzwerkes SchülerVZ. (Bild: Stratenschulte/dpa)

Im Superwahljahr 2009 sind die Politiker ihren Wählern ins Netz gefolgt. Abgeordnete und Parteizentralen buhlen mit 140 Zeichen langen Twitter-Meldungen um die Gunst der Wähler. Kanzlerin Merkel hat bei StudiVZ 73 500 Anhänger. Und auch immer mehr Unternehmen haben die Meinungsmacht der Netzwerke erkannt und geben sich mit Tweets und Profilen nahbar.

Geburtstag, Lieblingsband, Urlaubsfotos: Persönliche Informationen sorgen für geschäftigen Handel auf den Freundschafts-Marktplätzen. Die Privatsphäre bleibt dabei manchmal auf der Strecke. 2009 mahnten Verbraucherschützer die Plattformen Facebook, MySpace, Lokalisten, Xing und Wer-kennt-wen wegen eklatanter Lücken beim Datenschutz ab. Im SchülerVZ bediente sich ein Hacker und lud Daten tausender Mitglieder - allesamt minderjährig - herunter. Viele Nutzer entblößen zudem freiwillig intime Details aus ihrem Leben.

Hendrik Speck traut den Skandalen und Skandälchen jedoch eine heilsame Wirkung zu: «Mit den Pannen wird der Druck wachsen, die Interessen von Staat, Unternehmen und Bürgern auszugleichen.» Die VZ-Netzwerke StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ haben etwa im Juli die Kampagne «Deine Daten gehören Dir» gestartet. Bei Facebook sind die Bestimmungen zum Datenschutz seit November so formuliert, dass man sie auch ohne juristisches Staatsexamen versteht.

Nachrichten von den 150 Facebook-Freunden, Gezwitscher auf Twitter im Minutentakt, dazu noch E-Mails: Mit der Vernetzung braust Tag für Tag ein Informationsstrom heran, in dem mancher Nutzer zu ertrinken droht. «Mein Kopf kommt nicht mehr mit», klagt Frank Schirrmacher in seinem Buch «Payback» über ein Gefühl, das vermutlich Millionen Menschen kennen. Der Mit-Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» befürchtet, dass der digitale Mensch verlernt, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden.

«Jeder hat eine Stimme aber jeder muss auch mehr filtern, um mit der Informationsflut klarzukommen», sagt Experte Jan Schmidt. Filter könnten helfen, die Datenflut zu kanalisieren und beherrschbar zu machen. Vorausgesetzt die Nutzer lernen, damit umgehen. Hildegard Wielage, ganz pragmatische Unternehmerin, löst das Problem auf ihre eigene Weise. «Ich muss nicht alles lesen, ich muss auch nicht auf alles antworten», sagt sie. «Die Dosis bestimme ich allein.»

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